Der Begriff 4.0 – Teil 2: Arbeiten 4.0

Nachdem wir nun wissen, was Industrie 4.0 ist, wäre es jetzt an der Zeit den Begriff Arbeiten 4.0 zu beleuchten.

Losgelöst von industriellen Entwicklungsprozessen geht es hier vielmehr um Arbeitsformen in der digitalisierten Arbeitswelt – und dies branchenübergreifend. Arbeiten 4.0 betrifft nicht nur den Personalleiter, sondern gilt genauso für einen LKW-Fahrer. Das glauben Sie nicht? Dann fahren Sie mal in einer neuen S-Klasse – beziehungsweise lassen Sie sich von ihr fahren. Wenn die rechtlichen Hürden – die aktuell noch unüberwindbar scheinen – genommen sind, fahren LKWs in einem Vierteljahrhundert höchstwahrscheinlich ohne Mensch an Bord. Auch das ist die Digitalisierung der Arbeitswelt.

Jeder Prozess birgt Risiken und Chancen. Darum war es von Andrea Nahles gar nicht mal so verkehrt, aus Industrie 4.0 eine Diskussion zur allgemeinen Arbeitswelt abzuleiten.

 

RISIKEN UND CHANCEN

Homeoffice gab es früher selten, während es heute insbesondere im Vertrieb völlig normal ist – digitaler Infrastruktur sei dank. Nur mich hat der Segen noch nicht ereilt, da ich entsprechende Zusatzaufgaben habe, die meine Anwesenheit im Büro erfordern. Warum kann ich denn auch niemals „nein“ sagen? An sich ist es doch erstrebenswert, sich den kilometerlangen, staubelasteten Arbeitsweg zu sparen. Man kann die Kinder zur Kita fahren, den Einkauf erledigen, ganz ohne Stress. Dafür macht man dann halt abends noch  nach dem Essen ein paar Mails oder setzt sich Sonntags nach dem Kaffee an neue Angebote.

Grundsätzlich also eine gute Sache – allerdings ist meine Erfahrung damit, dass ich mehr arbeite, als wenn ich im Büro sitze. Es gibt keine festgelegte Arbeitszeit mehr – und an Tagen, an denen ich von zuhause gearbeitet habe, weil ich auf den Schornsteinfeger oder den Klempner wartete, habe ich mangels offiziellem Feierabend bis spät abends am PC gesessen und habe im Anschluss eine unruhige Nacht verbracht. Ich konnte nicht abschalten. Wenn ich nach einem stressigen Arbeitstag mit Überstunden die Bürotür hinter mir schließe, ist das ein sauberer Schnitt. Klar, als Vertriebsbeauftragter ist dieser Schnitt nicht so endgültig wie bei einem Busfahrer, der nach seiner Schicht den Bus abschließt. Ich denke jeden Abend natürlich noch darüber nach, wie ich am nächsten Tag wieder verkaufen kann und die Umsatzvorgaben erreiche – also quasi über meinen gesamten Lebensinhalt -, während der Busfahrer vermutlich nur überlegt, welche Fahrgäste ihn wieder anmotzen und welche Baustellen ihm die Route vermiesen. Es ist eher eine Milchglastür, die ich nach Feierabend schließe. Es scheint immernoch indifferent zu mir durch, aber es wird physisch getrennt und ist nicht mehr klar sichtbar.

Im Homeoffice habe ich dieses Türschließen nicht. Natürlich würde ich das Benefit annehmen, wenn man mir es anbieten würde. Aber ich würde mir dann eine Strategie überlegen, wo ich mir gedanklich eine Milchglas-Bürotür einbaue.

 

SOFTWAREUNTERSTÜTZUNG – FLUCH ODER SEGEN?

Im Arbeiten 4.0 sind Softwaresysteme natürlich ein integraler Bestandteil, egal ob Dienstplanung, Abrechnung, Materialwirtschaft oder Kundendatenbanken. Mit diesen Systemen arbeitet man – sofern man die nicht immer einfache Bedienung versteht – deutlich effizienter und bearbeitet auch mehr Aufgaben.

So weit, so gut, doch hier stoßen wir irgendwann auf eine natürliche Grenze. Das menschliche Gehirn ist so leistungsfähig, dass völlig verschiedene Aufgaben in chaotischer Reihenfolge bearbeitet werden können – ich schreibe Angebote, dann einen Vertrag zur Auftragsdatenverarbeitung, währenddessen ruft ein Kunde an, daraufhin gebe ich Support, dann gehe ich zurück zur Auftragsdatenverarbeitung und plötzlich fällt mir ein, dass eine Webpräsentation ansteht. Auch kann ich zugleich telefonieren und eine Mail schreiben.

Schreibe ich an einen Kunden und telefoniere zugleich mit meiner Lebensgefährtin, funktioniert beides gut – ich kann mich auf die Mail fokussieren und ein paar einsilbige Antworten auf die immergleichen Standardfragen bekomme ich schon hin.

Telefoniere ich mit einem Kunden und schreibe privat, fokussiere ich mich dann natürlich auf das Gespräch.

 

DER KONFLIKT

Wenn ich jetzt aber zeitgleich mit Kunden telefoniere und an einen anderen schreibe, geht das in die Hose. Warum? Weil ich mich nicht entscheiden kann, was ich priorisiere – es ist beides höchst wichtig und anstrengend.

Mein Gehirn ist – wie alle Gehirne – eben doch nur begrenzt leistungsfähig.

Und genau da haben wir das Problem mit der Softwareunterstützung. Zeitlich schaffen wir viel mehr verschiedenen Aufgaben, nur kommt das Gehirn damit irgendwann durcheinander. Werden es zu viele Aufgaben, weiß ich plötzlich nicht mehr, wo ich bei welcher Aufgabe war. Welches Formular das richtige ist. In welcher Reihenfolge ich etwas prüfen muss. Wenn ich jetzt noch Systeminseln habe und mit drei verschiedenen Softwares mit jeweils völlig unterschiedlicher Bedienung zurecht kommen muss, ist die Messe gesungen, denn das ist Stress pur und die Häufung von Burnout-Fällen wundert mich angesichts dessen eher weniger.

 

SCHNITTSTELLEN 4.0

Da die meisten Unternehmen also eine Vielzahl an Softwares einsetzen, die inzwischen riesige Datenmengen verursachen, muss der Datenbestand untereinander austauschbar sein. War es vor einigen Jahren noch state-of-the-art,  einen nächtlichen CSV-Import am Wochenende durchzuführen, werden in der digitalisierten Arbeitswelt hochentwickelte Schnittstellen zu einem zentralen Thema. Auch das zeigt, wie sehr die Vernetzung in der Arbeitswelt angekommen ist.

 

DENNOCH REALISTISCH BLEIBEN

Software wird eingekauft, um die Arbeitsergebnisse nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ hoch zu halten – die Standards und Prozesse müssen schließlich eingehalten werden. Das ist nur allzu verständlich. Doch Software ermöglicht auch stets eine Nachverfolgbarkeit und Kontrolle. Wer jetzt aus Sicht des Betriebsrats oder Datenschutzbeauftragten eine versteckte Leistungsbewertung oder Überwachung sieht, sollte folgende Punkte bedenken:

  • Der Mitarbeiter muss seine Arbeitsleistung vertragsgemäß – und somit möglichst fehlerfrei – erbringen.
  • Es gehört gleichzeitig zum Stellenprofil eines Vorgesetzten, im Interesse des Unternehmens die Leistungen seiner Mitarbeiter im Blick zu behalten.

Wenn ich nach einem langen Vertriebsprozess endlich zum Zug komme und eine Software einführen darf, rate ich daher immer dazu, dass eine entsprechende Kultur eingeführt werden sollte, um die Mitarbeiter und deren Vertretungen ins Boot zu holen.

Würde man bei einer nicht erledigten Aufgabe vorher noch

Herr Müller! Tun Sie eigentlich überhaupt noch etwas für Ihr Geld?

sagen, wäre der richtige Ansatz auf den Mitarbeiter wertneutral zuzugehen, etwa mit

Herr Müller, einige Ihrer Aufgaben sind eskaliert, da sie nicht fristgerecht abgeschlossen wurden. Gibt es Probleme mit diesen Aufgaben? Benötigen Sie noch etwas, um die Vorgaben einhalten zu können?

Sie stellen also keine rethorische Frage mehr, deren einziger Inhalt es ist, auf den Mitarbeiter verbal einzudreschen. Stattdessen stellen Sie eine erstgemeinte Frage, auf die Sie nun eine ernstgemeinte Antwort erhalten, die Sie mit der rethorischen Frage wohlmöglich nie erhalten hätten.

Ich gehe stark davon aus, dass die Reibungsverluste bei der Einführung neuer Systeme damit drastisch minimiert werden können.

WEITREICHENDE AUSWIRKUNGEN

Heute kann man sich immer noch aussuchen, ob man sich lieber körperlich oder geistig verausgaben möchte. Überschneidungen häufen sich jedoch. Zwar haben Handwerker heute in der Regel bessere Werkzeuge und Maschinen, dafür müssen heute Tätigkeiten allein ausgeführt werden, für die früher zwei oder drei Leute auf der Baustelle waren – die körperliche Belastung bleibt also u. U. gleich, es werden nur Kosten gespart, sobald sich die Maschine amortisiert hat. An die psychischen Risiken von Alleinarbeit denkt aber dabei kaum jemand.

Es ist aber nicht so, dass wir auf den Wandel nicht reagieren können. Ein Beispiel aus der Gesundheitswirtschaft:

Früher haben sich niedergelassene Ärzte darum bemüht, Patienten zu behandeln. Heute besteht ihr Berufsbild – insbesondere geschuldet durch hochkomplexe Abrechnungen – aus 60% Arzt und 40% Kaufmann – Letzteres wird im Medizinstudium aber gar nicht behandelt, und nicht jeder Mediziner möchte sich mit dem Drumherum so intensiv befassen. Ähnlich der Polikliniken, die in der DDR verbreitet waren, gibt es nun vermehrt MVZs (medizinische Versorgungszentren). Dort ist der Arzt angestellt – und braucht sich über das kaufmännische Führen einer Praxis keine Gedanken machen.

Das steht mit Digitalisierung zwar nicht zwingend im Zusammenhang, zeigt aber, dass es für fast alle Herausforderungen eine Lösung gibt.

Durch die Digitalisierung können verwaltende Tätigkeiten ausgelagert werden – Outsourcing nach Asien oder Osteuropa ist nicht selten. Einige Führungskräfte lassen komplexe Präsentationen in Indien erstellen – in gutem Englisch, optisch ansprechend aufbereitet. Durch die Zeitverschiebung auch kurzfristig möglich. Gut vorstellbar ist auch, dass ein deutsches Planungsbüro Ingenieure in Bukarest die Berechnungen anstellen lässt. Durch die weltweite Vernetzung schwinden die Privilegien von Akademikern, die langfristig zu Internet-Tagelöhnern degradiert werden könnten.

Stellenabbau, Shareholder Value, prekäre Beschäftigungsverhältnisse und unsichere Rente – auch das ist Arbeiten 4.0. Ständige Erreichbarkeit, Aufweichen von Raum und Zeit, maximale Erwartungen an Flexibilität – ja, auch das ist Arbeiten 4.0.

Doch wir sollten nicht alles schlechtreden. Mindestlohn, Gleichstellung, Bundesteilhabegesetz, auch das ist Arbeiten 4.0

DIE BRANCHEN MÜSSEN SICH NEU ERFINDEN

Arbeiten 4.0 ist lediglich ein Sammelbegriff. Darunter muss es zwingend auch Personalwesen 4.0, Vertrieb 4.0 und Handwerk 4.0 geben.

Auch öffentliche Bereiche fernab der Arbeitswelt ändern sich, wir könnten auch von Verkehr 4.0 sprechen, wenn es um nachhaltige Mobilitätskonzepte geht. Wenn ich mir den Siegeszug der veganen Lebensweise und die Menge an Food-Bloggern ansehe, schwirrt unweigerlich der Begriff „Ernährung 4.0“ in meinem Kopf herum.

Es müssen nicht per se alle Branchen Zukunftsangst haben. Wer reagiert, läuft weniger in die Gefahr, vom Wandel abgehängt zu werden. Wie das Beispiel der Reizüberflutung durch Aufgaben zeigt, dürfen wir nie vergessen, dass nicht das Digitale, sondern nach wie vor der Mensch im Mittelpunkt steht. Mit all seinen Fehlern und Grenzen.

 

 

 

Der Begriff 4.0 – Teil 1: Industrie 4.0

Die 4.0 ist hier im Blog omnipräsent, Grund genug, sich kritisch damit auseinanderzusetzen – nicht, dass man mir nachsagt, ich würde pseudointellektuell mit Begriffen hantieren, die ich nicht einmal verstehe.

Um das zu klären (und durch Kommentare und Anregungen auch zu ergänzen), empfiehlt es sich zu erforschen, was dieses ominöse „4.0“ eigentlich bedeutet. Entstanden ist es aus dem Begriff „Industrie 4.0“, der durch die Forschungsunion der Bundesregierung geprägt wurde. Er beschreibt die vierte industrielle Revolution. Ich stelle im Folgenden den zeitlichen Ablauf dar, die Jahreszahlen sind allerdings nur ungefähre Richtwerte, da die Übergänge nicht selten fließend verliefen.

Industrie 1.0 (1800-1900):

Insbesondere die Weiterentwicklung der Dampfmaschine durch James Watt begründete die Entwicklung der Industrie, wie wir sie weitesgehend noch heute kennen. Durch Dampfkraft konnten schwere Maschinen in Fabriken betrieben werden, durch die Erfindung der Eisenbahn ließen sich auch komplexe Transportketten abbilden. Leitend waren Schwer-, Montan- und Textilindustrie. Diese Zeit war allerdings auch durch prekäre Lebensbedingungen geprägt.

Industrie 2.0 (1900-1975):

Durch die Entdeckung von elektrischer Energie (Strom), neue Verkehrsmittel (Verbrennungsmotoren) und deutlich schnellerer Kommunikationswege (Telefon, Telegraf) kann man um die Jahrhundertwende von einer zweiten industriellen Revolution sprechen. Die leitende Rolle verlagerte sich zu den Branchen Chemie und Elektro. Durch das Fließband wurde zudem die Massenproduktion erleichtert, d. h. industriell gefertigte Konsumgüter verbreiteten sich rasch und wurden für alle Gesellschaftschichten erreichbar.

Industrie 3.0 (1975-2010), auch „digitale Revolution“:

Während EDV-Anlagen zunächst millitärisch genutzt wurden, verbreitete sich die Technik später auch in der Wirtschaft. Aufgrund des enormen Kosten und Aufwände zunächst nur als Großrechner in sehr großen Unternehmen. Die maßgebliche Erfindung dürfe der Mikrochip sein, dessen Leistungsfähigkeit schnell und deutlich in dieser Phase gesteigert wurde. Industrie 3.0 ist geprägt durch Automatisierung, wobei diese zur Folge hatte, dass menschliche Arbeitskraft durch Maschinen, bzw. Arbeitsroboter ersetzt wurde – z.B. in der Automobilindustrie, die eine der wichtigsten Säulen der deutschen Wirtschaft war und ist.

Durch noch schnellere Kommunikation und Transportmittel wurde zudem die Globalisierung vorangetrieben, die schließlich durch den Fall des eisernen Vorhangs drastisch beschleunigt wurde.

Industrie 4.0 (seit 2010)

Was unterscheidet dann 4.0 von 3.0, wenn diese bereits die Digitalisierung beinhaltet, zumal die Grundlage weiterhin die Mikroelektronik ist?

Verdeutlicht werden soll die Weiterentwicklung der Digitalisierung. Vergleichen wir doch mal die Situation im Jahr 1997 mit heute. Vor 20 Jahren waren Mobiltelefone nicht allzu weit verbreitet, lediglich in Berufen, in denen eine ständige Erreichbarkeit wichtig war, waren Handys üblich. Geschrieben wurde regelmäßig noch mit der Schreibmaschine, auch wenn diese zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich verdrängt wurde. Datenaufbewahrung bestand jedoch noch immer zumeist aus Aktenschränken und Hängeregistraturen. Das Internet hatte für den privaten Konsumenten noch keine herausragende Bedeutung, war es doch wie Mobiltelefone ein sehr teurer Spaß.

Und heute?

So gut wie jeder in Deutschland besitzt ein Handy, oft sogar mehrere, wir verbringen mehr Zeit online als vor dem Fernsehr und wer ein „digital native“ ist, steht irritiert vor der Hängeregistratur und fragt sich, warum die Daten nicht zentral auf dem Server gespeichert sind – oder in der Cloud. Selbstfahrende Autos sind wohl das deutlichste Beispiel, wie sehr sich Vernetzung und künstliche Intelligenz im Vergleich zu 1997 verändert haben.

 

KRITIK AM BEGRIFF

Wir könnten also argumentieren, dass der Mikrochip als tragende Rolle durch das Internet ergänzt wurde. Dennoch wird der Begriff der vierten industriellen Revolution kritisiert. Denn die ganze Klassifizierung ist recht abstrakt. Früher hat man die klare Zäsur einer Revolution noch proklamiert. Nun teilen wir einen laufenden Prozess in zwei Hälften und definieren die vorherigen Schritte im Nachhinein.

 

GIBT ES KRITIK AN DER DIGITALISIERUNG?

Ständige Erreichbarkeit führt zu Stress, und nicht selten wird der Burnout mit der Digitalisierung in Verbindung gebracht. Wir arbeiten auch effizienter, sodass wir viel mehr verschiedene Tätigkeiten gleichzeitig ausführen – ein Risiko, auf das ich zum Thema „Arbeiten 4.0“ noch näher eingehen werde. Bleiben wir an dieser Stelle bei der Industrie: Auch die Rationalisierung geht mit der Automatisierung durch Mikroelektronik einher, nicht selten heißt es, die Verarmung würde begünstigt werden. Letztendlich werden auf der anderen Seite wieder Jobs geschaffen: Die Maschinen müssen entwickelt und gewartet werden (denken Sie an Charlie und die Schokoladenfabrik!), Software muss programmiert werden, und so weiter. Das schlechte Gefühl aber bleibt, da unklar ist, welche Jobs aussterben und welche neu entstehen.

Eine weitere deutliche Tendenz von Industrie 3.0 und 4.0 ist die Tertiärisierung, d.h. die Industrie schrumpft zugunsten des Dienstleistungssektors. Und hier könnte tatsächlich ein Verarmungsrisiko liegen: Die Industrie ist gewerkschaftlich sehr gut organisiert (denken Sie an die IG Metall), die Dienstleistungsbranche nicht (Stichwort Dumpinglöhne).

Doch wenn wir an die Zeit um 1800 zurückdenken, dann war es recht ähnlich, als sich die Industrie zulasten der Landwirtschaft entwickelte. Und es ist ja nicht so, dass es ver.di nicht gibt – nur ist es durch die Globalisierung einfacher geworden, „günstige“ Arbeitskräfte zu finden.

 

3.1 und 3.2 oder 3.0 und 4.0?

Es bietet sich aus meiner Sicht an, den Prozess der Digitalisierung aufgrund der extremen Beschleunigung seit Beginn der 1990er aufzuteilen. Diese Teilung kann sicherlich auch irgendwo zwischen 1990 und 2010 erfolgen, ich würde sogar die goldene Mitte, das Jahr 2000 vorschlagen, da das Internet schätzungsweise zu dieser Zeit begann, sich rasend zu verbreiten und die Digitalisierung des privaten Lebens vorantrieb, was wiederum die Digitalisierung der Arbeitswelt entscheidend begünstigt haben dürfte.

Da Industrie 4.0 aber ein von offizieller Stelle definierter Begriff ist, sehe ich keinen Grund, diesen abzulehnen.

 

WIE ICH DEN ÜBERGANG VON 3.0 auf 4.0 ERLEBE

Seit der Jahrtausendwende hat sich das Privat- und Berufsleben durch die Fortschreitung der Digitalisierung drastisch verändert.

Ich bin in der „kritischen Phase“ aufgewachsen, kann also nicht unbedingt auf die Arbeitswelt blicken – es waren ausschließlich visuelle Eindrücke am Arbeitsplatz der Eltern. Für Heranwachsende waren vor allem Unterhaltungselektronik und Internet maßgeblich.

Während ich früher lange in Bibliotheken saß und alle wichtigen Bücher grundsätzlich immer ausgeliehen waren, habe ich später einfach eine Suchmaschine benutzt.

Früher hat man spontan bei Freunden geklingelt und ging auf den Bolzplatz. Bestenfalls klärte man das vorher in der Schule ab oder rief an – und hatte Angst, dass die Eltern rangingen. Heute wird daraus – ich übertreibe bewusst ein wenig – eine Raktenwissenschaft gemacht, Treffen fünfmal vereinbart und neunmal abgesagt – binnen einer Stunde.

Früher hat man sich in der Freizeit aufs Bett gelegt und geträumt. Ich hatte in Ruhe Zeit, mich selbst zu reflektieren und die Ereignisse auf mich wirken zu lassen. Heute lenken Internet und Videospiele aufgrund ihres Suchtpotenzials ab – ist mir langweilig, fange ich an zu daddeln oder einfach irgendetwas zu googeln. Die Zeit für mich selbst, in der sich mein Gehirn mit sich selbst beschäftigen konnte, hatte sich auf ein kritisches Maß verringert. Heute weiß ich das und nehme mir ganz bewusst am Abend eine Auszeit, in der ich nichts tue. Das Handy ist stumm und der Laptop zugeklappt. Glauben Sie mir, man braucht nicht unbedingt Yoga, um sich auszugleichen.

Ein Ereignis bleibt mir stets im Gedächtnis, und obwohl es für die Diskussion von Industrie 4.0 eigentlich nicht wichtig ist, finde ich es durchaus passend. Während ich 1999 in der Grundschule noch einen – von einem Stück Schokolade beschwerten – handgeschriebenen Liebesbrief an meinem Platz vorfand, dürften die Kinder heute eher über WhatsApp kommunizieren. Während es für mich normal war, ohne T9 an einem „Tastenhandy“ über fünf Minuten an einer 160-Zeichen-SMS zu tüfteln, schreibe ich heute in Sekundenschnelle 1600 Zeichen und kann mir gar nicht mehr vorstellen, ein Handy ohne Touchscreen vernünftig benutzen zu können.

Einen Vorteil hätte mir ein Handy in der Grundschule beschert: Ich wäre nicht in Verlegenheit gekommen, den Liebesbrief mit einem roten Fineliner zu korrigieren und ihn mit Bitte auf Korrektur zurückzugeben. Denn danach war ich verständlicherweise unten durch.

Wäre die Kommunikation digital gelaufen, hätte es dazu wohl keine analoge Schokolade gegeben. Und das wäre schade gewesen – sie schmeckte schließlich gut.

 

Aller Anfang ist schwer…

… oder doch nicht?

Diese Seite soll „best practice“ – Ansätze für ein Zurechtfinden im Arbeiten 4.0 anbieten – gern auch mit abstrahierten Lebenssachverhalten aus meiner zugegebenermaßen noch nicht allzu langen Berufserfahrung. Hierbei werden auch Einblicke in die Berufswelt der Generation Y und young professionals gegeben werden (müssen). Ich muss einen gewissen Spagat schaffen und dabei Gegensätze harmonisch vereinen.

Ich möchte die Einblicke unterhaltsam und realistisch geben , aber anonym und unter maximaler Diskretion.

Ich möchte sachlich informieren, aber auch Raum für intellektuelle Polemik in Anspruch nehmen.

Ich möchte neutrale und fachlich korrekte Informationen verteilen, aber werde sicherlich auch in einem gewissen Rahmen subjektiv werten.

Das ist der Anspruch. Ich hoffe, es wird Sie gut informieren und dabei bestens unterhalten.