Der Begriff 4.0 – Teil 1: Industrie 4.0

Die 4.0 ist hier im Blog omnipräsent, Grund genug, sich kritisch damit auseinanderzusetzen – nicht, dass man mir nachsagt, ich würde pseudointellektuell mit Begriffen hantieren, die ich nicht einmal verstehe.

Um das zu klären (und durch Kommentare und Anregungen auch zu ergänzen), empfiehlt es sich zu erforschen, was dieses ominöse „4.0“ eigentlich bedeutet. Entstanden ist es aus dem Begriff „Industrie 4.0“, der durch die Forschungsunion der Bundesregierung geprägt wurde. Er beschreibt die vierte industrielle Revolution. Ich stelle im Folgenden den zeitlichen Ablauf dar, die Jahreszahlen sind allerdings nur ungefähre Richtwerte, da die Übergänge nicht selten fließend verliefen.

Industrie 1.0 (1800-1900):

Insbesondere die Weiterentwicklung der Dampfmaschine durch James Watt begründete die Entwicklung der Industrie, wie wir sie weitesgehend noch heute kennen. Durch Dampfkraft konnten schwere Maschinen in Fabriken betrieben werden, durch die Erfindung der Eisenbahn ließen sich auch komplexe Transportketten abbilden. Leitend waren Schwer-, Montan- und Textilindustrie. Diese Zeit war allerdings auch durch prekäre Lebensbedingungen geprägt.

Industrie 2.0 (1900-1975):

Durch die Entdeckung von elektrischer Energie (Strom), neue Verkehrsmittel (Verbrennungsmotoren) und deutlich schnellerer Kommunikationswege (Telefon, Telegraf) kann man um die Jahrhundertwende von einer zweiten industriellen Revolution sprechen. Die leitende Rolle verlagerte sich zu den Branchen Chemie und Elektro. Durch das Fließband wurde zudem die Massenproduktion erleichtert, d. h. industriell gefertigte Konsumgüter verbreiteten sich rasch und wurden für alle Gesellschaftschichten erreichbar.

Industrie 3.0 (1975-2010), auch „digitale Revolution“:

Während EDV-Anlagen zunächst millitärisch genutzt wurden, verbreitete sich die Technik später auch in der Wirtschaft. Aufgrund des enormen Kosten und Aufwände zunächst nur als Großrechner in sehr großen Unternehmen. Die maßgebliche Erfindung dürfe der Mikrochip sein, dessen Leistungsfähigkeit schnell und deutlich in dieser Phase gesteigert wurde. Industrie 3.0 ist geprägt durch Automatisierung, wobei diese zur Folge hatte, dass menschliche Arbeitskraft durch Maschinen, bzw. Arbeitsroboter ersetzt wurde – z.B. in der Automobilindustrie, die eine der wichtigsten Säulen der deutschen Wirtschaft war und ist.

Durch noch schnellere Kommunikation und Transportmittel wurde zudem die Globalisierung vorangetrieben, die schließlich durch den Fall des eisernen Vorhangs drastisch beschleunigt wurde.

Industrie 4.0 (seit 2010)

Was unterscheidet dann 4.0 von 3.0, wenn diese bereits die Digitalisierung beinhaltet, zumal die Grundlage weiterhin die Mikroelektronik ist?

Verdeutlicht werden soll die Weiterentwicklung der Digitalisierung. Vergleichen wir doch mal die Situation im Jahr 1997 mit heute. Vor 20 Jahren waren Mobiltelefone nicht allzu weit verbreitet, lediglich in Berufen, in denen eine ständige Erreichbarkeit wichtig war, waren Handys üblich. Geschrieben wurde regelmäßig noch mit der Schreibmaschine, auch wenn diese zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich verdrängt wurde. Datenaufbewahrung bestand jedoch noch immer zumeist aus Aktenschränken und Hängeregistraturen. Das Internet hatte für den privaten Konsumenten noch keine herausragende Bedeutung, war es doch wie Mobiltelefone ein sehr teurer Spaß.

Und heute?

So gut wie jeder in Deutschland besitzt ein Handy, oft sogar mehrere, wir verbringen mehr Zeit online als vor dem Fernsehr und wer ein „digital native“ ist, steht irritiert vor der Hängeregistratur und fragt sich, warum die Daten nicht zentral auf dem Server gespeichert sind – oder in der Cloud. Selbstfahrende Autos sind wohl das deutlichste Beispiel, wie sehr sich Vernetzung und künstliche Intelligenz im Vergleich zu 1997 verändert haben.

 

KRITIK AM BEGRIFF

Wir könnten also argumentieren, dass der Mikrochip als tragende Rolle durch das Internet ergänzt wurde. Dennoch wird der Begriff der vierten industriellen Revolution kritisiert. Denn die ganze Klassifizierung ist recht abstrakt. Früher hat man die klare Zäsur einer Revolution noch proklamiert. Nun teilen wir einen laufenden Prozess in zwei Hälften und definieren die vorherigen Schritte im Nachhinein.

 

GIBT ES KRITIK AN DER DIGITALISIERUNG?

Ständige Erreichbarkeit führt zu Stress, und nicht selten wird der Burnout mit der Digitalisierung in Verbindung gebracht. Wir arbeiten auch effizienter, sodass wir viel mehr verschiedene Tätigkeiten gleichzeitig ausführen – ein Risiko, auf das ich zum Thema „Arbeiten 4.0“ noch näher eingehen werde. Bleiben wir an dieser Stelle bei der Industrie: Auch die Rationalisierung geht mit der Automatisierung durch Mikroelektronik einher, nicht selten heißt es, die Verarmung würde begünstigt werden. Letztendlich werden auf der anderen Seite wieder Jobs geschaffen: Die Maschinen müssen entwickelt und gewartet werden (denken Sie an Charlie und die Schokoladenfabrik!), Software muss programmiert werden, und so weiter. Das schlechte Gefühl aber bleibt, da unklar ist, welche Jobs aussterben und welche neu entstehen.

Eine weitere deutliche Tendenz von Industrie 3.0 und 4.0 ist die Tertiärisierung, d.h. die Industrie schrumpft zugunsten des Dienstleistungssektors. Und hier könnte tatsächlich ein Verarmungsrisiko liegen: Die Industrie ist gewerkschaftlich sehr gut organisiert (denken Sie an die IG Metall), die Dienstleistungsbranche nicht (Stichwort Dumpinglöhne).

Doch wenn wir an die Zeit um 1800 zurückdenken, dann war es recht ähnlich, als sich die Industrie zulasten der Landwirtschaft entwickelte. Und es ist ja nicht so, dass es ver.di nicht gibt – nur ist es durch die Globalisierung einfacher geworden, „günstige“ Arbeitskräfte zu finden.

 

3.1 und 3.2 oder 3.0 und 4.0?

Es bietet sich aus meiner Sicht an, den Prozess der Digitalisierung aufgrund der extremen Beschleunigung seit Beginn der 1990er aufzuteilen. Diese Teilung kann sicherlich auch irgendwo zwischen 1990 und 2010 erfolgen, ich würde sogar die goldene Mitte, das Jahr 2000 vorschlagen, da das Internet schätzungsweise zu dieser Zeit begann, sich rasend zu verbreiten und die Digitalisierung des privaten Lebens vorantrieb, was wiederum die Digitalisierung der Arbeitswelt entscheidend begünstigt haben dürfte.

Da Industrie 4.0 aber ein von offizieller Stelle definierter Begriff ist, sehe ich keinen Grund, diesen abzulehnen.

 

WIE ICH DEN ÜBERGANG VON 3.0 auf 4.0 ERLEBE

Seit der Jahrtausendwende hat sich das Privat- und Berufsleben durch die Fortschreitung der Digitalisierung drastisch verändert.

Ich bin in der „kritischen Phase“ aufgewachsen, kann also nicht unbedingt auf die Arbeitswelt blicken – es waren ausschließlich visuelle Eindrücke am Arbeitsplatz der Eltern. Für Heranwachsende waren vor allem Unterhaltungselektronik und Internet maßgeblich.

Während ich früher lange in Bibliotheken saß und alle wichtigen Bücher grundsätzlich immer ausgeliehen waren, habe ich später einfach eine Suchmaschine benutzt.

Früher hat man spontan bei Freunden geklingelt und ging auf den Bolzplatz. Bestenfalls klärte man das vorher in der Schule ab oder rief an – und hatte Angst, dass die Eltern rangingen. Heute wird daraus – ich übertreibe bewusst ein wenig – eine Raktenwissenschaft gemacht, Treffen fünfmal vereinbart und neunmal abgesagt – binnen einer Stunde.

Früher hat man sich in der Freizeit aufs Bett gelegt und geträumt. Ich hatte in Ruhe Zeit, mich selbst zu reflektieren und die Ereignisse auf mich wirken zu lassen. Heute lenken Internet und Videospiele aufgrund ihres Suchtpotenzials ab – ist mir langweilig, fange ich an zu daddeln oder einfach irgendetwas zu googeln. Die Zeit für mich selbst, in der sich mein Gehirn mit sich selbst beschäftigen konnte, hatte sich auf ein kritisches Maß verringert. Heute weiß ich das und nehme mir ganz bewusst am Abend eine Auszeit, in der ich nichts tue. Das Handy ist stumm und der Laptop zugeklappt. Glauben Sie mir, man braucht nicht unbedingt Yoga, um sich auszugleichen.

Ein Ereignis bleibt mir stets im Gedächtnis, und obwohl es für die Diskussion von Industrie 4.0 eigentlich nicht wichtig ist, finde ich es durchaus passend. Während ich 1999 in der Grundschule noch einen – von einem Stück Schokolade beschwerten – handgeschriebenen Liebesbrief an meinem Platz vorfand, dürften die Kinder heute eher über WhatsApp kommunizieren. Während es für mich normal war, ohne T9 an einem „Tastenhandy“ über fünf Minuten an einer 160-Zeichen-SMS zu tüfteln, schreibe ich heute in Sekundenschnelle 1600 Zeichen und kann mir gar nicht mehr vorstellen, ein Handy ohne Touchscreen vernünftig benutzen zu können.

Einen Vorteil hätte mir ein Handy in der Grundschule beschert: Ich wäre nicht in Verlegenheit gekommen, den Liebesbrief mit einem roten Fineliner zu korrigieren und ihn mit Bitte auf Korrektur zurückzugeben. Denn danach war ich verständlicherweise unten durch.

Wäre die Kommunikation digital gelaufen, hätte es dazu wohl keine analoge Schokolade gegeben. Und das wäre schade gewesen – sie schmeckte schließlich gut.

 

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